
STEFAN ZWEIG wurde am 28. November 1881 in Wien als Sohn des Textilindustriellen Moritz Zweig geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Wien 1891-1899 studierte er Germanistik und Romanistik und wurde mit einer Arbeit über Die Ursprünge des zeitgenössischen Frankreich 1904 in Wien zum Dr. phil. promoviert.
Unter dem Einfluß Hofmannsthals schrieb er früh Gedichte (Silberne Saiten, 1901). Seine ersten Novellen (D) erschienen 1904. Weitere Novellenbände (Brennendes Geheimnis, 1911, Amok, 1922, Sternstunden der Menschheit, 1927) folgten und machten ihn weltberühmt wie auch seine großen Biographien (Romain Rolland, 1921, Joseph Fouché, 1929, Maria Stuart, 1935, Magellan, 1938, Balzac, postum 1946).
Diese Werke verbanden subtile Seelenkenntnis mit einem spannungsreichen Erzählstil. Der Erste Weltkrieg machte Zweig
zum Pazifisten und Mitstreiter Romain Rollands. Nach einer Tätigkeit im Kriegsarchiv ging er 1917
nach Zürich und arbeitete bis 1919 für die »Neue Freie Presse« in der Schweiz. 1920 heiratete er Fridenke von Winternitz. Er wohnte von 1919 bis 1934 in Salzburg, ehe er nach London emigrierte.

Viele Studien- und Vortragsreisen führten ihn nicht nur in die westeuropäischen Länder, sondern auch nach Indien 1910, Nord- und Mittelamerika 1912, die Sowjetunion 1928 und ab 1935 mehrfach nach Südamerika. 1938 war seine erste Ehe geschieden worden, 1939 heiratete er Lotte Altmann. Er lebte kurze Zeit in New York und siedelte 1941 nach Petropolis (Brasilien) über, wo er am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau den Freitod suchte. In seinem Nachlaß fanden sich auch seine Erinnerungen eines Europäers, die voll Nostalgie und Trauer Die Welt von Gestern beschwören. Zweigs schriftstellerisches Werk, darunter Nachdichtungen von Verhaeren, Baudelaire und Verlaine sowie viele politische und literarhistorische Essays, beeindruckt heute wie damals durch sein humanistisch geprägtes Weltbürgertum.
Das Wien um 1900 ist das Wien Hugo von Hofmannsthals und Stefan Zweigs, es ist auch die müde, lebenssatte Metropole der österreichisch-ungarischen Monarchie in der schönen Epoche vor dem großen Krieg. Es ist ein Wien, von dem man meinen möchte, daß Kaiser Franz Joseph es absichtlich in einen Dornröschenschlaf versenkt hatte. Die jungen Dichter dieser Metropole gefielen sich allzusehr in ihrer selbstbespiegelnden, ästhetisierenden Wesensart. Möchten wir indessen auch nur eines der Gedichte missen, die die damals Siebzehn- bis Achtzehnjährigen schrieben? Jenes von Hofmannsthal. Manche freilich müssen drunten sterben, in dem der Knabe, Abkömmling einer lombardischen Aristokratin und eines vom Kaiser in den Adelsstand erhobenen Vaters, er, der Erbe eines alten Geschlechts, jene unvergeßlichen Zeilen dichtete:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten kann ich nicht abtun von meinen Lidern .
Oder jenes von Stefan Zweig, das der siebzehnjährige Schüler Herbst nennt und das dann später der nur um wenige Jahre ältere Max Reger mit anderen Gedichten des jungen Dichters vertonte und das über Jahre in vielen Konzerten zu hören war. Es ist makellos in der Form-, aber schon von einer seltsamen Ahnung kommenden schweren Lebens gezeichnet, das sich dann so schicksalhaft erfüllen sollte. Sein ganzes Leben hindurch hat Stefan Zweig dieses Herbstgefühl nicht verlassen:
| Traumstill die Welt. Nur ab und zu ein heiserer Schrei Von Raben, die verflatternd um die Stoppeln streichen. Der düstre Himmel drückt wie mattes schweres Blei Ins Land hinab. Und sacht mit seinen sammetweichen Schleichsehritten geht der Herbst durch Grau und Einerlei. Und in sein schweres Schweigen geh` auch ich hinein, Der unbefriedigt von des Sommers Glanz geschieden. Die linde Stille schläfert meine Wünsche ein. Mir wird der Herbst so nah. Ich fühle seinen Frieden: Mein Herz wird reich und groß in weitem Einsamsein. Denn Schwermut, die die dunklen Dörfer überweht, Hat meiner Seele viel von ihrem Glück gegeben. Nun tönt sie leiser, eine Glocke im Gebet, Und glockenrein und abendmild scheint mir mein Leben, Seit es des Herbstes ernstes Bruderwort versteht. Nun will ich ruhen wie das müde dunkle Land... Beglückter geht mein Träumerschritt in leise Stunden, Und sanfter fühle ich der Sehnsucht heiße Hand. Mir ist, als hätt` ich einen treuen Freund gefunden, Der mir oft nah war und den ich nie gekannt |
Max Reger hat noch oft Gedichte von Stefan Zweig vertont, ihn sogar um neue dichterische Vorlagen
gebeten.
Wie entscheidend und wesentlich die Dichtung der Wiener Jugend für die gesamte europäische
Dichtung wurde, braucht nicht literarhistorisch begründet zu werden. Wohl aber wird es nicht ohne
Interesse sein, uns jene Zeit um die Jahrhundertwende, durch ihren Repräsentanten Stefan Zweig
ins Gedächtnis zu rufen.
»Man lebte gut, man lebte leicht und unbesorgt in jenem alten Wien, und die Deutschen im Norden
sahen etwas ärgerlich und verächtlich auf uns Nachbarn an der Donau herab, die, statt tüchtig zu
sein und straffe Ordnung zu halten, sich genießerisch leben ließen, gut aßen, sich an Festen und Theatern freuten und dazu vortreffliche Musik machten. Statt der deutschen Tüchtigkeit, die schließlich
allen anderen Völkern die Existenz verbittert und verstört hat, statt dieses gierigen Allen-andern-
vorankommen-Wollens und Vorwärtsjagens liebte man in Wien gemütlich zu plaudern, pflegte ein
behagliches Zusammensein und ließ in einer gutmütigen und vielleicht laxen Konzilianz jedem ohne
Mißgunst sein Teil.
Leben und leben lassen war der berühmte Wiener Grundsatz,
ein Grundsatz, der mir noch heute humaner erscheint als alle kategorischen Imperative, und er setzte sich unwiderstehlich in allen Kreisen durch. Arm und reich . . . wohnten trotz gelegentlicher Hänseleien friedlich
beisammen, und selbst die politischen und sozialen Bewegungen entbehrten jener grauenhaften Gehässigkeit, die erst als giftiger Rückstand vom Ersten Weltkrieg in den Blutkreislauf der Zeit eingedrungen ist.. - Denn es war kein Jahrhundert der Leidenschaft, in dem ich geboren und erzogen
wurde.
Es war eine geordnete Welt mit klaren Schichtungen und gelassenen Übergängen, eine Welt
ohne Last . . . Eile galt nicht nur als unfein, sie war in der Tat überflüssig, denn in dieser bürgerlich
stabilisierten Welt mit ihren unzähligen kleinen Sicherungen und Rückendeckungen
geschah niemals etwas Plötzliches; was von Katastrophen sich allenfalls draußen an der Weltperipherie ereignete, drang nicht durch die gut gefütterte Wand des gesicherten Lebens . Und wirklich, was ging sie das an, was außerhalb Osterreichs geschah, was veränderte es in ihrem Leben? In ihrem Osterreich gab es in jener windstillen Epoche keine Staatsumwälzungen, keine jähen
Wertzerstörungen; ...« (aus: Die Welt von Gestern)
Stefan Zweig, von dem die Kritik später rühmend sagte, er besäße eine ungeheure Witterung für
Dinge und Menschen, wäre nicht der »Psychologe aus Leidenschaft« geworden, wenn nicht schon
damals jene Instinkte in ihm wach gewesen wären, die auf jede Gefahr und Veränderung minutiös
reagieren.
Sein Freund Franz Werfel hat in seiner schönen Studie Stefan Zweigs Tod von ihm gesagt:
»Seiner Mahnung lieber ein Jahr zu früh, als einen Tag zu spät, hat er treulich
gehorcht, denn Rechtzeitigkeit ist eine Tugend, die Stefan Zweig nicht nur in der Stoffwahl seiner Werke, sondern
auch in der Gestaltung seines Lebens bewährt hat.« So sah und erlebte Zweig von Jugend an mehr
als nur die glatte Oberfläche. Seine Gesellschaftskritik bleibt zwar stets verbindlich, war aber darum
nicht weniger eindringlich. Wien gab ihm Impulse auch anderer Art, legte in diesem überempfindsamen Menschen die Grundlage zu einem härteren Leben. Er fühlte sehr wohl - damals wie auch später, als ihn seine Freunde 1938 einen »Schwarzseher« nannten:
»Daß etwas Neues in der Kunst sich vorbereitete, etwas, das leidenschaftlicher, problematischer, versucherischer war als unsere Eltern und unsere Umwelt befriedigt hatte, war das eigentliche Erlebnis unserer Jugendjahre. Aber fasziniert von diesem einen Ausschnitt des Lebens, merkten wir nicht, daß diese Verwandlungen im ästhetischen Raume nur Aussebwingungen und Vorboten viel weiterreichender Veränderungen waren, welche die Welt unserer Väter, die Welt der Sicherheit erschüttern und schließlich vernichten sollten - «(aus: Die Welt von gestern).
Er ist immer der wache Geist geblieben, bis zur bitteren Konsequenz jenes Februartages des Jahres 1942 im fernen Brasilien, wo er »rechtzeitig« sein Leben beschloß!«
Seine Jugend hatte er verwöhnt in einem reichen Elternhaus verbracht. Die Schule nahm er ohne
sonderliche Anteilnahme hin als etwas anscheinend Notwendiges. Arthur Schnitzler, ein anderer
Wiener Freund, sagte von ihm, Stefan Zweig wäre ein überdurchschnittlich begabter
Schüler gewesen, dem alle Aufgaben »bummelnd in den Schoß« fielen. Aber mit dem Tage der Schulentlassung stand für ihn die Welt offen, und es verlockte ihn, ihre Weite kennenzulernen, ihre Tiefe auszuloten.
Schnell durchlief er die ersten Wiener Semester, um dann nach Berlin zu gehen,
das ihn anzog, weil er das Gegensätzliche auskosten wollte, das Fremde einer Stadt, die wenig oder gar nichts mit der Stätte
seiner Kindheit gemein hat.
»In Berlin saß ich in den Cafes und Wirtschaften zusammen am selben Tisch mit schweren Trinkern
und Homosexuellen und Morphinisten, ich schüttelte - sehr stolz- die Hand einem ziemlich bekannten und abgestraften Hochstapler. Alles, was ich den realistischen Romanen kaum geglaubt hatte,
schob und drängte sich in den kleinen Wirtsstuben und Cafes, in die ich eingeführt wurde, zusammen,
und je schlimmer eines Menschen Ruf war, um so begehrlicher mein Interesse, seinen
Träger persönlich kennenzulernen. Diese besondere Liebe oder Neugier für gefährdete
Menschen hat mich übrigens mein ganzes Leben begleitet ... «(aus: Die Welt von Gestern)
Die ersten Gedichtbände
mit den bezeichnenden Titeln der Jugend Silberne Saiten (1901), Frühe Kränze
(1906), der erste Novellenband Die Liebe der Erika Ewald (1904) und anderes waren erschienen. Studien über Verlaine, Rimbaud, Balzac und andere
große Dichter, vor allem Frankreichs, erregten Aufsehen in den Kreisen der Literatur, denen dieser
hervorragend schreibende Mann aus Wien auffallen mußte.
Mit zwanzig Jahren wurde Zweig zum Doktor phil. promoviert, um dann sehr klar und entschieden zu erkennen, daß er auf dem eingeschlagenen akademischen Weg nicht weit kommen würde, Vor allem widmete er sich nun dem fremden Werk. Er wurde Diener und Mittler zwischen den Völkern durch Übertragung wesentlicher Dichtungen, deren Schöpfer später zumeist seine engsten Freunde werden sollten, wie Romain Rolland oder Emile Verhaeren, dessen Werk er in Deutschland bekannt, ja berühmt gemacht hat.
»Dem eigenen Wunsch und dem Rate Richard Dehmels folgend,
nützte ich meine Zeit, um aus fremden Sprachen zu übersetzen, was ich noch heute für die beste Möglichkeit für einen jungen Dichter halte, den Geist der eigenen Sprache tiefer und schöpferischer zu
begreifen ... Gerade dadurch, daß jede fremde Sprache in ihren persönlichsten Wendungen zunächst Widerstände für die Nachdichtung schafft, fordert sie Kräfte des Ausdrucks heraus, die ungesucht sonst nicht zum Einsatz gelangen, und dieser Kampf, der fremden Sprache zäh das Eigenste abzuzwingen, hat für mich immer eine besondere Art künstlerischer Lust bedeutet. Weil diese stille und
eigentlich unbedankte Arbeit Geduld und Ausdauer forderte, wurde sie mir besonders lieb; denn an
dieser bescheidenen Tätigkeit der Vermittlung erlauchten Kunstguts empfand ich zum erstenmal die
Sicherheit, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, eine Rechtfertigung meiner Existenz...«
Dieser Arbeit, nur gelegentlich durch eigene Versuche dichterischer oder nachgestaltender Art unterbrochen, gab er sich mit einer Ausschließlichkeit hin, die bewunderungswürdig ist.
Er verband dieses volle Jahrzehnt - bis zum Ersten Weltkrieg - mit ausgedehnten Reisen nach Frankreich, England, Italien,
Schweden, Spanien, Kanada, Kuba, Mexiko, Amerika, Indien, Ceylon, China, Afrika »und bin so
allmählich Europäer geworden«, wie er selbst von sich sagte. Diese zehn Jahre haben ihn reif gemacht und innerlich gefestigt. Überall in der Welt hatte er Freunde, deren Namen klang- und glanz-
voll sind: Rolland, Masereel, Gorki, Shaw, Toscanini, Bruno Walter, Albert Schweitzer, eine lange,
ehrenvolle Liste ließe sich zusammenstellen.
Mit dem Ersten Weltkrieg begann für ihn eine einschneidende Wendung. Der Krieg
war die schmerzlichste Zeit seines Lebens. Abermals packte ihn der Arbeits- und
Leistungswille. Endgültig setzte er sich Plan und Ziel, die Tat allein sollte nun entscheiden. Es sind fruchtbare Jahre für Stefan
Zweig, Jahre der Reife, der Einkehr und der Wandlung.
Mut, Entschlossenheit und immer wieder
Liebe zum Menschen waren es, die ihn auf den neuen Weg wiesen, wo er wirken und schaffen konnte,
aber nun nicht mehr nur für sich allein, sondern für Europa und für alle Menschen, denen Mensehtum
und Freiheit keine leeren Phrasen sind, Mitten im Weltkrieg schrieb er sein Drama Jeremias. »Jetzt zum erstenmal hatte ich das Gefühl, gleichzeitig aus mir selbst zu sprechen und aus der Zeit. Indem ich versuchte, den andern zu helfen, habe ich damals mir selbst geholfen...«
»Von dem Augenblick, da ich versuchte, die Krise zu gestalten, litt ich nicht mehr so schwer an der Tragödie der Zeit .. Immer lockte es mich, die innere Verhärtung zu zeigen, die jede Form der Macht in einem Menschen bewirkt, die seelische Erstarrung, die bei ganzen Völkern jeder Sieg bedingt... Mitten im Kriege, indes die andern sich noch, voreilig triumphierend, gegenseitig den unfehlbaren Sieg bewiesen, warf ich mich schon in den untersten Abgrund der Katastrophe und suchte den Aufstieg.«
Unvergleichlich schien die jetzt einsetzende Intensität dieses Dichters und Schriftstellers, Längst
hatten Erfolg und Weltruhm sich an seinen Namen geheftet. Vor allem liebte ihn die Jugend, der sein
Werk Vertrauen und Hoffnung, Beispiel und Richtung gab. Seine Leser, die nach Hunderttausenden
zählten, erwarteten jedes neue Buch von ihm mit Ungeduld. Ob es nun Novellen waren, in denen er
mit Einfühlungsvermögen, in einer pathetisch überhöhten Sprache, psychische Prozesse verfolgte
(Angst, 1920); Amok, 1922; Verwirrung der Gefühle, 1927) oder die großen Biographien,
in denen er das Schicksalhafte bestimmter Begebenheiten herausstellte (Josef Fouché,
1929; Die Heilung durch den Geist, 1931;
Marie Antoinette, 1932 Erasmus von Rotterdam, 1934; Maria Stuart, 1935)- oder
die mit großartiger Brillanz geschriebenen Lebensbilder von Hölderlin, Kleist, Balzac, Dickens,
Nietzsche und andere literarische Porträts, immer weiter und größer wurde sein Wirkungskreis, weit
über die Grenzen des eigenen Landes hinaus.
Das einzigartige seiner starken und vollen Persönlichkeit war jedoch, daß er Kamerad, Freund und Diener zugleich war, wobei wir noch ein anderes Moment in diesem Menschen erkennen, nämlich das der persönlichen Bescheidenheit, ein Wesenszug,
der besonders die Jugend des In- und Auslandes immer wieder in seinen Bann zog, die in dem Dichter der Sternstunden der Menschheit den Menschen liebte und verehrte, den Hermann Hesse einmal
»einen Meister der Freundschaft« nannte und von dem Romain Rolland im April 1919 in seinen Tagebuchaufzeichnungen schrieb: »Ich kenne unter meinen Freunden keinen, der einen tieferen und
frömmeren Freundschaftskult triebe als Stefan Zweig - Freundschaft ist seine Religion.«
Das dichterische Werk Stefan Zweigs ist heute gültig wie damals, aber er beeindruckt auch als Europäer, der in einer Front mit anderen großen Dichtern den Gedanken der Einheit Europas zu einer
Zeit vertrat, als ihn nur vage wenige zu denken wagten.
Und je stärker sich für ihn die literarische
Welt interessierte, ihn ins Rampenlicht der breiten Öffentlichkeit zerren wollte, desto mehr verbarg
sich der Mensch Zweig, um ganz seiner Aufgabe zu leben: Rufer und Mahner zu sein in einer Welt,
die sichtbar vor aller Augen mit Riesensehritten einem Abgrund zusteuert, Gleich Romain Rolland erhob er immer wieder seine Stimme, in unbeugsamer Anspannung zu versuchen, » auch das fremdeste zu verstehen, immer Völker und Zeiten, Gestalten und Werke nur in ihrem positiven, ihrem
schöpferischen Sinne zu bewerten und durch solches Verstehenwollen und Verstehenmachen demütig, aber treu unserem unzerstörbaren Ideal zu dienen: der humanen Verständigung zwischen Menschen, Gesinnungen, Kulturen und Nationen«, wie er es in seinem großen Vortrag 1932 in Florenz
auf der Europatagung unter dem stürmischen Beifall einer internationalen Zuhörerschaft ausrief.
Diese Rede, enthalten in dem Band Zeit und Welt, der einige der wesentlichsten Essays Zweigs vereinigt, ist gerade heute für uns von besonderem Interesse, nicht minder die Aufzeichnungen über
seine Reise nach Russland.
Stefan Zweigs letztes Buch, die Erinnerungen eines Europäers, das nach seinem Tode unter dem
kennzeichnenden Titel Die Welt von Gestern erschien, lesen wir mit jener Ergriffenheit, die immer
dann sich einstellt, wenn das Leben und das Wirken des sich selbst Darstellenden weit über das private Schicksal hinaus unser eigenes Leben in dieser Zeit angeht. Keine Seite steht in diesem umfangreichen Buch, die nicht angefüllt wäre mit Erleben und Erlebnis. Seine Aufzeichnungen reichen zurück bis in die Jahrhundertwende und enden mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Wer das Glück hatte, Stefan Zweig freundschaftlich verbunden gewesen zu sein, der empfindet
Schmerz und Trauer bei der Lektüre dieses letzten Buches, in dem noch einmal der Freund, der
Dichter und Europäer zu uns sprach. Dieses persönlichste Werk ist das Vermächtnis des alten Zweig
an die Jugend: »Jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die
uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen
Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenden Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir
nicht vergebens gewirkt«, so heißt es an einer Stelle dieses Buches. Stefan Zweig war, als er das sechste Lebensjahrzehnt beendet hatte, müde und einsam. Er fühlte sich alt, ja verlassen und abgesperrt
von der Welt.
Und wenn er in seiner Welt von Gestern 1942 sagte:
»Ich schreibe
sie [meine Erinnerungen] in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends
kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder
durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor hunderten Jahren, ehe Dampfschiff und Bahn und Flugzeug und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also
nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage.Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar und verloren«, so sind das keine leeren Worte, die ein Schriftsteller in einer depressiven Stunde schrieb. Sie enthalten die ganze Wahrheit seiner Tragik, der auch andere ausgesetzt waren in jenen Jahren des Exils.
Aber dennoch ist da ein Unterschied: Stefan Zweigs Wesen, seine geistigseelische Existenz brauchte, um leben zu können, den lebendigen Kontakt mit der Welt, mit Menschen und Freunden, mehr vielleicht als andere, denen - äußerlich betrachtet - ein schwereres
Schicksal zugedacht war als ihm. Stefan Zweig litt physisch und psychisch unter dem Zustand des
Krieges mehr, als seiner Konstitution zuträglich war.
Diesen Zustand der Erschöpfung, ursächlich seiner sensiblen Natur zuzuschreiben, teilt er zwar mit anderen, aber seine Veranlagung, seine tiefe
Niedergeschlagenheit in Zeiten der Katastrophen war gefährlicher Art. Romain Rolland, dem er
auch in dieser Hinsicht verwandt ist, schrieb einmal von ihm: »Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war
ich mit Stefan Zweig befreundet und noch heute bin ich sein Freund. Ich war Zeuge, wie unsagbar
dieser freie europäische Geist litt, Der Krieg erschütterte ihn in dem, was ihm das Heiligste war, er
raubte ihm seinen Glauben an die Kunst und an die Menschheit, er nahm ihm den Sinn des Lebens.
Die Briefe, die ich im ersten Kriegsjahr von ihm erhielt, enthüllten die ganze Größe seiner tragischen
Zerrissenheit und Verzweiflung.«
Sein Erfolg war seit den frühen Novellen weltweit, er war einer der am meisten übersetzten Schriftsteller. Noch heute kommt die Sekundärliteratur zu Stefan Zweig und seinem Werk vorwiegend aus dem angelsächsischen und slawischen Sprachbereich, weniger aus dem deutschen. Neben der
Schachnovelle, in der er die klassische Novellenform meisterhaft mit zeitpolitischem Inhalt gestaltet,
sind die Sternstunden der Menschheit wohl sein populärstes Werk geblieben.
In diesen Zwölf historischen Miniaturen werden historische Situationen aus ganz
subjektiver Perspektive gesehen und bewertet, weil es Zweig dabei um »die seelische
Wahrheit der äußern und innern Geschehnisse« geht. Er suchte im Geschehen der
Weltgeschichte nach der einen herausragenden Persönlichkeit, dem »Genius«, in dem er den Wunschtraum oder das Versagen vieler Generationen kristallisiert. Die weltgeschichtliche Entscheidung für Jahrzehnte und Jahrhunderte wird aus Zweigs Sicht von einer
einzelnen Persönlichkeit herbeigeführt. Er verstand es, einem Menschen nachzuspüren, eine Situation fast detektivisch bloßzulegen, die den Figuren und den Ereignissen innewohnende Dramatik zu
erfassen und herauszuarbeiten.
Die Napoleonepisode in den Sternstunden der Menschheit, Die Weltminute von Waterloo, ist aus dieser Sicht eine verpaßte Situation der Weltgeschichte, weil hier einer nicht dem Anruf des Schicksals
gehorchte, sondern sich an seine Ordre klammerte:
»Eine Sekunde überlegt Grouchy, und diese eine
Sekunde formt sein eigenes Schicksal, das Napoleons und das der Welt.
Sie entscheidet, diese Sekunde im Bauernhaus von Walhain, über das ganze neunzehnte Jahrhundert, und sie hängt an den
Lippen - Unsterblichkeit - eines recht braven, recht banalen Menschen... Könnte
Grouchy jetzt Mut fassen, kühn sein, ungehorsam der Ordre aus Glauben an sich und das sichtliche Zeichen, so
wäre Frankreich gerettet. Aber der subalterne Mensch gehorcht immer dem Vorgeschriebenen und
nie dem Anruf des Schicksals.«
Wenn wir das Werk des alternden Dichters betrachten, drängt sich die Frage auf, ob auch in ihm etwas vom Nachlassen der Kraft zu verspüren ist. Wir glauben, das verneinen zu dürfen. Wenn wir sein
großes Balzac-Buch lesen, so will uns scheinen, als ob Zweig hier noch einmal zu seiner vollen Gestaltungskraft gelangte, obwohl das Werk durch die Ungunst der Zeit nicht ganz fertig wurde. Sein
Freund Richard Friedenthal, der nach Zweigs Tod den Balzac 1946 herausgab, schreibt in seinem
Nachwort: »Aber die dunklen Mächte, die Stefan Zweig aus seiner Heimat verjagt und in den
Tod getrieben haben, behielten auch diesem Werk gegenüber, wie in allem, Unrecht. Das Buch ist
fertig geworden. Es ist nicht völlig das, was Stefan Zweig beabsichtigte, aber ich glaube doch mit gutem Gewissen sagen zu dürfen, daß es einen würdigen Abschluß seines Lebenswerkes repräsentiert.
Und es scheint mir in unserer höchst trostbedürftigen Zeit ein hoffnungsvolles Zeichen, daß dieses
letzte Buch eines großen Europäers und Weltbürgers jetzt wieder ungehindert seinen Weg antreten
und seine Freunde in allen Ländern aufsuchen kann, die ihm die Treue gehalten haben in den Jahren
der langen Verdunkelung.«
Stefan Zweig war durch Übersetzungen im Ausland mindestens ebenso populär geworden wie in den
deutschsprachigen Ländern. Er hatte mit Verlegern, nicht nur als Autor, sondern als beratender
Freund zusammengearbeitet und beispielsweise vor dem Ersten Weltkrieg mit der Inselbücherei
eine der schönsten und beständigsten deutschen Buchserien angeregt, die sein Verleger Anton Kippenberg begründete. In der Emigration war er einer der wenigen, die sowohl über finanzielle Mittel
wie einflußreiche Bekannte verfügten. Damit half er, wo immer er konnte, andere mit Visen oder Affidavits in die Emigration zu retten und ihnen dort weiter zu helfen. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, das ihn befähigte, seine historischen Biographien zu schreiben, bewährte sich auch
im praktischen Hier und Heute. Schriftstellern wie Joseph Roth und Ernst Weiß beispielsweise
zahlte er mit monatlichen Renten ihren Lebensunterhalt. Sein Briefwechsel aus den Jahren der
Emigration belegt die immer neuen Versuche zu helfen, wo immer es nötig war. Davon schweigt er in
der Welt von Gestern, die zwar die wesentlichen Züge der Zeitgeschichte eindringlich schildert, aber
sich nicht auf Privates einläßt.
Die innere Unruhe und die Oual des Verdammtseins, des Ausgestoßenseins aus der Welt seines persönlichen Lebens und seines Vaterlandes haben das innerste Element seines Wesens tödlich erfaßt
und getroffen. An dem Verlust seiner vielen Freunde und an dem Heimweh nach einer europäischen
Welt, in der er lebte und atmete mit der ganzen Vehemenz seiner an sich schon das übliche Maß
sprengenden geistigen Lebensform, ist er seelisch zugrunde gegangen.
In vielen Briefen an seine Freunde aus dem letzten Lebensjahr klingt erschütternd immer wieder die Klage über seine Einsamkeit, die ihn deprimierte, über die Aussichtslosigkeit zu helfen, die ihn oft bis zur Verzweiflung trieb. Einen einzigen dieser Briefe, den uns Hermann Hesse zur Verfügung stellte, wollen wir hier anführen. Er ist gerichtet an einen Freund und trägt das Datum 15. Dezember 1941, wurde also wenige Wochen vor seinem Tode geschrieben:
»Vielen Dank für Ihren Brief und das Buch von Franz Silberstein, das in seiner Klarheit äußerst eindrucksvoll ist. Wie tragisch, daß wir Wenigen das Richtige wußten und wissen,
und mit diesem Wissen so jämmerlich ohnmächtig sind. Ich sehe im Augenblick nicht, was ich für das Buch tun könnte, abgeschnitten, wie man von allen Verbindungen ist. Aber wenn sich irgendeine Gelegenheit ergibt, werde ich sie gewiß nicht versäumen. Nie war Kollegialität und gegenseitige Hilfe notwendiger als in diesen grauen Zeiten. Ich bin so niederträchtig, Sie und jeden ein wenig zu beneiden, der ein stabiles Dach über seinem Kopfe hat. Ich lebe jetzt seit anderthalb, eigentlich seit sieben Jahren immer im Provisorischen und gerade hier, wo man sie am nötigsten brauchte, fehlt einem eine richtige Bibliothek. Manche Arbeit, die ich sonst beginnen und fördern könnte, bleibt dadurch stecken. Aber so
wenig wie in einem fahrenden Eisenbahnzug kann man bei einem Welterdbeben richtig schreiben.«...
In Petropolis (Brasilien) hat er am 22. Februar 1942 seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt. Sein
Abschiedsbrief an die Freunde lautete:
»Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich, eine letzte
Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, daß es mir und meiner Arbeit so gut und gastlich Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt, und
nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Heimat meiner Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem 60. Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen.
Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft.
So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem
geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde
gewesen.
Ich grüße alle meine Freunde!
Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht!
Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.«